Donnerstag, 21. Februar 2013

Schön habt ihr's hier

Nach gut zwei Wochen habe ich meine neuen Lebensumstände halbwegs im Griff. Ich habe mich halbwegs mit der Dänischen Krone angefreundet (dem Geld, nicht der Herrschaftsinsignie), habe herausgefunden, wie ich hier im Blog die deutsche Rechtschreibkorrektur aktiviere, und weiß, wo ich das billigste Bier vom Fass kriegen kann. Auf mein Bankkonto warte ich zwar noch, weil die 'freundliche' Kundenberaterin, bei der ich den Antrag gestellt habe, meine Passkopie entweder verschlampt oder gar nicht erst gemacht hat, aber sonst funktioniert weiterhin alles unerwartet reibungslos.

Gestern habe ich sogar zum ersten Mal hier Wäsche gemacht, in unserem gemeinschaftlichen Wäschekeller. Ganz so gemütlich wie im Fernsehen ist das zwar nicht, aber die Maschinen funktionieren, und es scheint auch alles heil und sauber zu sein. Wenn ich nächste Woche mein Evaluationsgespräch mit der Chefin unserer Sektion hinter mich gebracht habe, sind wohl erst einmal alle Hürden überwunden. Bis dahin habe ich aber auch den Großteil meines Lehrpensums für dieses Semester erfüllt - wir haben die Sitzungen unter mehreren Dozenten aufgeteilt, und nach nächstem Dienstag bin ich nur noch einmal am Semesterende so richtig gefordert -, so dass ich dann also nach vier Wochen in Kopenhagen keine Ausrede mehr haben werde, so richtig in die Forschungsarbeit einzusteigen.

Natürlich gilt aber auch in Kopenhagen: Wenn es zu gut ist, um wahr sein zu können, ist es das für gewöhnlich auch nicht. Bestes Beispiel: Als ich vor vier Wochen zum ersten Mal hier war, um mir die Räumlichkeiten der Universität anzuschauen, bin ich mir wie im Schlaraffenland vorgekommen. Im Moment hat unsere Spielforschungs-Gruppe zwei ganze Stockwerke in einem der Gebäudeflügel für sich - neun Büros, einen Konferenzraum, einen Drucker- und Postraum und eine Toilette pro Etage! In Bochum teilen wir uns ja nicht nur das Büro, sondern sogar die Schreibtische und Computer mit drei und mehr Kollegen, während ich hier ein viel zu großes Büro für mich allein habe - bis Ende des Monats, jedenfalls.


Dann ziehen wir nämlich in ein anderes Stockwerk, wo wir dann auch immer zu zweit in einem Büro sein werden und zudem noch zwei andere Forschergruppen plus die Universitätsleitung auf dem gleichen Flur haben. Dann ist wohl Schluss mit Tischtennisturnieren am Konferenztisch und bizarren Barbie-Installationen - vorerst jedenfalls. Die wenigen Kollegen aus der Führungsetage, die ich bis jetzt kennengelernt habe, scheinen genauso große Kindsköpfe zu sein wie der Rest von uns, so dass ich kaum glaube, dass sie uns zu sehr in die Quere kommen werden. Die Chefin der gesamten Spiel-Abteilung, die damit gut einem Drittel der Uni vorsteht, hat mich bei meinem Dienstantritt zumindest folgendermaßen begrüßt: "Ich bin selbst erst seit ein paar Wochen hier und kenne eigentlich noch kein Schwein. Wenn Du irgendwas wissen willst, frag halt Deine direkten Kollegen, die kennen sich viel besser aus als ich. Wir können aber gern mal ein Bier trinken gehen." Sie ist Finnin, vielleicht erklärt das so manches, aber ich hoffe trotzdem, dass sie und die restlichen hohen Tiere tatsächlich so entspannt sind, wie sie sich geben. Und überhaupt werden sie vom Umzug viel härter getroffen als wir. Bislang war das "Senior Management" in angemieteten Räumen im Nachbargebäude untergebracht, gegen die unser Bau beinahe schon schäbig aussieht. Es ist wahrscheinlich wie immer: die haben mehr Angst vor uns als wir vor ihnen.


Bevor ein Missverständnis aufkommt: bei all den Annehmlichkeiten hier beschwere ich mich auch wirklich nicht, in Zukunft einen Bürogenossen zu haben. Man stelle sich vor: Die offizielle Beschäftigungspolitik der ITU ist, dass zufriedene Arbeitnehmer produktiv, ausgeglichen und gesund sind, und dass das gut ist für die Universität, ihre Studierenden und ihr Image. Während wir uns in Deutschland bei so einer Formulierung wahrscheinlich vorstellen, dass einem einfach nur keine Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, wenn man versucht, seine Arbeit zu machen, meint man das hier ernst.

An meinem ersten Arbeitstag hatte ich innerhalb von zwei Stunden meinen Dienstausweis, ein Telefon, einen Schreibtisch - neu und elektrisch höhenverstellbar - und einen Schreibtischstuhl, der weder zwanzig Jahre alt ist noch von einem Lieferanten stammt, der dem öffentlichen Dienst den letzten Schrott zum Preis seines Gewichts in Gold verkauft. Und nur, weil ich es am ersten Tag nicht geschafft habe, ihn abzuholen, musste ich bis zum zweiten Arbeitstag auf meinen Computer warten.

Fast unheimlich wird es einem dann aber, wenn man erst einmal mit der Arbeit angefangen hat. Ich war ja schon begeistert, dass hier täglich der Müll geleert wird - in Bochum passiert das zweimal, in Saarbrücken einmal die Woche (wenn man Glück hat). Die Kaffeeküche hat mich dann schon etwas nervös gemacht. Kühlschrank, Spülmaschine, Mikrowelle - damit kann ich ja noch umgehen (wenn auch etwas verunsichert) -, aber ein Jura-Kaffeeautomat? Im ernst? (Auch davon haben wir auf jeder Etage einen. Mal sehen, wie wir die in Zukunft verteilen. Ich habe da eine Vision ...). Die Kaffeebohnen gibt die Uni übrigens auch aus, genau wie Milch in winzigen Päckchen, und damit wir auch mal was anständiges essen, stellt man uns jeden Montag einen frischen, großen Obstkorb auf den Konferenztisch.

Die erste Woche lang war das so unwirklich, dass ich mir bei jeder Tasse Kaffee vorgekommen bin wie ein Dieb. In der zweiten Woche habe ich mir dann vorgestellt, dass sich das Rätsel auf der nächsten Betriebsfeier lösen wird, wenn sich der Unipräsident als blutschlürfender Antichrist oder kleinkinderfressender Außerirdischer entpuppt. Mittlerweile habe ich aber erkannt, dass es keine Verschwörung geben kann, denn ganz so perfekt ist es hier dann doch nicht. Der Bildschirm an meinem Laptop flackert manchmal total unangenehm, und an manchen Tagen brummt der Trafo vom Bewegungsmelder vor der Klotür echt laut. Kaum auszuhalten, wenn ich ehrlich bin.

Ich kann so nicht arbeiten ;-)

Kommentare:

  1. Ich glaube, ich lese das nicht mehr ... das ist ja nicht auszuhalten, wie man mit Dir umgeht :-)

    Grüße
    Peter

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  2. Weil bei uns gestern Tag der Mundart war, schreib ich Dir meinen Kommentar auf Saarländisch:
    Isch glaabs jo gaanitt, doo hann iah doo owwe doch genau die gleisch Kaffehmaschiehn wie isch se dehämm uff da Ahwedsplatt schdehn hann! Sauwa die Hoor geschnitt! Awwa isch hann die neija Werrsiohn, nuah foor se sahn.
    Alleh Hanns, machs moo gudd un schees nitt se fill dursch die scheen Statt, es soll joo saumähsisch deija doo sinn, hatt ma ähna gesaaht, der wo isch kenne.
    Trink e Flasch Biah fir misch mit un ess kenn gellwa Schnee!
    Sali, de Ali

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  3. Wenn ich Zeit hab, bedauer ich dich vielleicht später ob der unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen. ;)
    Auch wenn die Frage eigentlich überflüssig ist, da es eigentlich nur eine Antwort geben kann: Sind die Innenaufnahmen des äußerst schicken Gebäudes (Stichwort: gläsernes Konferenzzimmer!?) etwa dein universitärer Arbeitsplatz? Um's auch im Rahmen des Tages der Mundart zu sagen: oh leck!

    Weiterhin alles Gute

    Silke

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