Sonntag, 10. März 2013

Einzug des Alltags

Die Frequenz meiner Blog-Einträge verrät es wohl schon: Seit dieser Woche bin ich endgültig in einer Art dänischem Alltag angekommen. Im direkten Vergleich mit den letzten Wochen lässt sich der Unterschied recht einfach festmachen: Ich war jeden Tag beschäftigt und produktiv, hab viel erledigt, aber trotzdem ist kaum etwas davon bemerkenswert. Im Vergleich zu den berstend vollen ersten Tagen an einem neuen Ort stinkt diese Normalität natürlich gewaltig ab. Als bekennender Epikureer wäre das normalerweise nichts, was mich stören würde (ganz im Gegenteil), aber es ist ein gewaltiger Wechsel im Lebensrhythmus, wenn man nach mehreren Wochen mit nichts als einschneidenden Veränderungen plötzlich seine Tage mit ordinärer, kleinteiliger Büroarbeit zubringt.

Der Umzug unserer Büroräume ist noch immer nicht erledigt, was langsam einigermaßen nervig ist.  In meinem alten Büro war ich umgeben von viel zu viel Möbeln, was nur anfänglich ein bisschen irritierend war. Regale mit Ordnern, selbst wenn es die von ehemaligen Kollegen sind, die einfach nur noch Staub fangen, geben einem Büro eben ein Stück Identität, ohne die es einfach nur ein leerer Raum ist. Eben den habe ich jetzt. Was erschwerend hinzukommt: Das alte Büro lag am Ende des Flurs zwischen Klo, Druckerraum und Feuertreppe, und manchmal habe ich stundenlang keine Menschenseele gesehen. Die Flure an der ITU haben Lampen mit Bewegungsmeldern, so dass diese Einsamkeit geradezu greifbar war, wenn nur einmal alle paar Stunden das Licht anging ... Das neue Büro ist hingegen das erste im Gang und, als wäre das nicht schlimm genug, ein vollverglastes Aquarium. Von meinem Schreibtisch aus sehen mich die Kollegen vom anderen Gebäudeflügel von links, meine eigenen Kollegen im Institut von rechts aus dem Flur, und von links vorne kann mich jeder sehen, der auf unserem Stockwerk aus dem Fahrstuhl steigt. Und damit auf dem fünften Stock das Panopticon-Gefühl selbst für diejenigen allgegenwärtig bleibt, die in diesen Bedingungen den Anstand haben, zum Nasebohren aufs Klo zu gehen, hängt dort ein wandfüllender Spiegel. Beim ersten Mal habe ich noch gedacht, dass der Innenarchitekt sein Design vom Swingerclub an der Ecke wiederverwendet hat, aber für den Eindruck allgegenwärtiger Beobachtung ist so ein Spiegel natürlich ein unerlässliches Accessoire. Weil man sich darin ja ständig selbst sieht, entsteht unweigerlich der Eindruck, gesehen zu werden, und unterschwellig schleicht sich der nagende Gedanke ein, dass dahinter bequem ein paar Kameras unterzubringen wären. Ja, ich habe erst vor kurzem wieder 1984 gelesen, und ja, ich wollte die Tage noch zu Lidl, aber trotzdem ist der Wechsel aus der Unsichtbarkeit auf den Präsentierteller etwas zu abrupt. Wenigstens bin ich mir mit meinem Büropartner Rune einig: wir brauchen Poster für unsere Glaswand! Viele Poster!

Wo wir schon bei Büropolitik im weitesten Sinn sind: Morgen werde ich mal sehen, wo ich in der Hackordnung unseres Vereins stehe. Dienstag und Mittwoch habe ich ja zu weiten Teilen damit verbracht, unser Spielelabor für den Umzug vorzubereiten. Erst als ich schließlich vor den fünfunddreißig vollen Umzugskartons gestanden habe, ist mir klar geworden, warum das so lange dauern musste. Mittwochs abends habe ich dann auch noch eine Stunde damit verbracht, die Einrichtung des neuen Raums zu planen und ihn dafür auszumessen. Weil die Kollegen von der Hausverwaltung zu dem Zeitpunkt längst Feierabend hatten, konnte ich mir von niemandem einen Zollstock oder ein Bandmaß schnorren. Dafür kann ich jetzt mit Gewissheit berichten, dass man auch mit dem Wissen, dass ein DIN-A4-Blatt 30 Zentimeter lang ist, einen Büroraum vermessen kann.

Nachdem ich am Donnerstag dann statt meines mühevoll erstellten Einrichtungsplans - das Rot ist selbstverständlich Herzblut - ein wahlloses Durcheinander in dem neuen Raum vorgefunden habe, ist meine Motivation, mich am Wiederaufbau zu beteiligen, schlagartig geschwunden. Deshalb werde ich dann in der neuen Woche wohl eine Kraftprobe machen müssen und sehen, ob ich die Doktoranden dazu bringen kann, dass sie sich um alles Nötige kümmern. Da wir noch auf neue Möbel warten - im Moment haben wir in zehn Büroräumen schätzungsweise zusammen sechs Regale - kann ohnehin niemand sein eigenes Büro einräumen. Insofern dürften sich mögliche Ausreden recht schnell erschöpfen - vor allem, weil die Deadlines für die großen Konferenzen FDG und DiGRA jetzt abgelaufen sind und in den nächsten Wochen nichts als Alltag auf dem Programm steht.

Wenn die anderen sich um diese Aufgabe kümmern, kann ich mich vielleicht auch wieder in die Waschküche wagen (deren Analog-Terminplaner mich mit seiner Kruppstahl-Benutzeroberfläche noch immer einschüchtert). Oder die Zeit finden, Staub zu wischen und zu saugen. Meiner Personalabteilung auf den Zahn zu fühlen, ob ich zum fünfzehnten vielleicht mal mein Februar-Gehalt bekomme. Ausnahmsweise mal termingerecht die drei noch zu überarbeitenden Aufsätze für Publikationen fertigstellen.

Ach, es lebe der Studenten-/Junggesellen-/Stohwitweralltag! It's all fun and games ;-)

Kommentare:

  1. Hajo,

    ich möchte dann in Bochum auch ein Sofa im Büro, das Blaue da gefällt mir, vielleicht kann man es, wenn die Regale da sind und kein Platz mehr in Kopenhagen, einfach weiterleiten.

    Warum gibt es übrigens keinen Schreibtisch in dem Büro, nur Coffe Table, Fernsehen, Sofa, Esstisch ... da fühlt man sich zu Hause

    Grüße
    Peter

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  2. Ja, ein Sofa hätte ich auch gern. Unser Chef hat zwei, ein Kollege einen Sitzsack ... das hat schon was für sich. Der Raum im Foto ist aber das Spiellabor. Da wird eben vorm Fernseher gesessen und danach am Tisch diskutiert - einen Schreibtisch braucht man keinen.

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