Dienstag, 23. April 2013

Schwellenpädagogik, Copenhagen Style

In gewisser Weise bin ich von jetzt an ein freier Mann. Heute hatte ich meine letzte Vorlesungssitzung für dieses Semester, und auch wenn wir noch ein paar Wochen vor uns haben, sind die für Präsentationen und Diskussionen von Hausarbeiten vorgesehen. Auch das ist ein Luxus, auf den ich mich unsagbar freue, und von dem ich zumindest ein bisschen was nach Deutschland retten will: noch im Semester mit dem Kurs über das Schreiben von Hausarbeiten reden, und zwar länger als fünf Minuten am Ende der letzten Sitzung.

Was mir auch fehlen wird – und liebe Studis, falls ihr das lest: es ist nicht böse gemeint – sind die extrem guten Seminarteilnehmer in diesem Kurs. Die Kollegen sind hier in vielerlei Hinsicht sehr entspannt, weil wir aus verschiedenen Fächern und Fachkulturen kommen und damit wenig Konkurrenz herrscht, und so war es normal, zusätzlich zu sieben oder acht gründlich vorbereiteten Master-Studierenden noch zwei, drei Kollegen im Saal zu haben. Zu wissen, dass man eine so anspruchsvolle Gruppe hat, kann sehr befreiend sein. Während Schwellenpädagogik (wie mein überaus geschätzter Kollege Peter die Vorbereitung einer Lehrveranstaltung zwischen Tür und Angel nennt) gewöhnlich ein notwendiges Übel ist, habe ich heute morgen mit absoluten Genuss nur eine halbe Stunde aktive Vorbereitung in eine vierstündige Lehrveranstaltung gesteckt.  Mehr wäre nicht nötig gewesen.

Schlüsselwort ist natürlich "aktiv:" Während ich in einer richtigen Vorlesung oder Präsentation normalerweise mehr als eine Folie pro Minute habe – ja, ich brauche eine Epilepsie-Warnung vor meinen Powerpoints –, bin ich heute mit sieben Folien ausgekommen, über die wir in aller Gemütsruhe diskutiert haben. Nachgedacht über diese Sitzung habe ich seit Wochen, und da ich gerade einen thematisch verbundenen Aufsatz schreibe, habe ich die ganze letzte Woche damit verbracht, Forschung zum Thema zu lesen. Trotz alledem wäre ich nicht so entspannt in den Kurs gegangen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass wir eine tolle Diskussionskultur und hochmotivierte Teilnehmer haben. Die Rahmenbedingungen sind es, die so ein Verhalten überhaupt erst möglich machen – wie alle bestätigen können, die beim legendären "Helden"-Seminar in Bochum dabei waren ... So kann man auch eine halbe Stunde sehr produktiv über Plants vs. Zombies diskutieren und damit richtig was lernen.

Das ist ja auch das schöne an Kulturwissenschaft jeder Couleur: egal wie schlecht etwas ist, wir lernen immer etwas daraus. Nachdem ich solche Perlen wie das Day of the Dead-Remake durchlitten habe, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass die Vorstellung von Marsellus Wallace und American Beauty in schlechtsitzenden Uniformen hätte genug sein müssen, um jeden klar denkenden Geldgeber und Kinobesucher schreiend aus dem Raum rennen zu lassen. Wenn sie die Uniformen getauscht hätte, wäre vielleicht ein Schuh daraus geworden. Aber es gibt auch echte Schmuckstücke zu entdecken: Max Brooks' World War Z ist ein echt guter Roman, auch (und gerade) für Literaturfreunde und Zombiegegner. Die Brad-Pitt-Verfilmung dürfte wenig mit der Vorlage zu tun haben bzw. deren schönstes Element nicht umsetzen können: der Roman ist eine Sammlung fingierter Interviews von Überlebenden der Zombie-Apokalypse, und die Vielstimmigkeit hat Brooks wirklich überzeugend umgesetzt.


Als kleine Belohnung für die absolvierte Lehrverpflichtung und all die Zombiequalen, denen ich mein Hirn ausgesetzt habe, gönne ich mir diese Woche mal ein Spiel ohne Zombies, oder zumindest eins, in dem sie keine große Rolle spielen dürften. Obwohl ich kein großer Fan der Reihe bin, habe ich mich schon länger auf Bioshock: Infinite gefreut. Nachdem unser Hiwi letzte Woche erklärt hat, dass das Spiel alles über den Haufen wirft, was wir über interaktives Geschichtenerzählen zu glauben wissen, muss ich dieses Forschungsergebnis selbst verifizieren. Mal sehen, ob ich auch ohne Zombies noch Spaß haben kann ...

Kommentare:

  1. Nur so, um ein wenig bundesdeutsche Realität hereinzubringen: Wir haben gerade im Schnitt 65 TeilnehmerInnen pto Veranstaltung ... :-)
    Peter

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  2. Blätternder Putz, ein Stuhl für jeden zweiten Studi, Befristungsgesetz - wie ich die deutsche Universitätslandschaft vermisse ;-) Wenigstens könnt Ihr sicher sein, dass es keine materiellen Gründe sind, aus denen ich mich aufs Heimkommen freue!

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