Montag, 15. Juli 2013

... und andere Städte haben auch Sommer

Auch wenn ich es nur ungern zugebe: ich bin aufgeregt. In ein paar Stunden steige ich in den Zug nach Paris, und da bin ich dann für neun Tage auf dem Weltkongress des internationalen Komparatistikverbandes. Und nein: das ist kein Urlaub!

Solche langen Kongressreisen sind immer stressig, und obwohl die Bedingungen schon viel schlimmer waren als hier, habe ich dieses Mal überhaupt keine Lust. Im Vorfeld habe ich mich viel zu viel über die Kongressorganisatoren geärgert, die ziemlich wenig Lust zu haben schienen, mit den Teilnehmern zu reden. Paris bei dreißig Grad ist auch nicht gerade ein Anreiz zur Freude, schon gar nicht, wenn ich mich ein- oder zweimal in einen Anzug zwängen muss. Und dann sind da die ganzen offenen Fragen, die auf mich zukommen, weil ich ja nicht einfach nur als Wissenschaftler zu dem Kongress fahre, sondern als Offizieller eines Verbandes. Vor allem darauf könnte ich gut verzichten.

Meine Eltern haben mich ja immer davor gewarnt, einem Verein beizutreten. Egal worum es im Verein eigentlich gehen sollte, haben sie mir gesagt, geht es eigentlich immer nur darum, dass irgendwer sich Vorteile verschaffen will, für die im Idealfall irgendwer sonst die Arbeit macht. Nun ist meine Familie nicht unbedingt durch Leutseligkeit und Philanthropie ausgezeichnet – man könnte auch sagen, dass wir ein ziemlich misstrauischer Haufen sind –, aber ich denke, an dieser Lektion ist viel Wahres dran. In den letzten paar Jahren haben mich Kollegen für mehrere solcher Verbände oder Interessengemeinschaften angeworben, und tatsächlich scheint es, wie immer im Leben, nur drei Möglichkeiten zu geben: erstens kann man sich völlig bedeckt halten oder, noch besser, stets tot stellen, wodurch man niemandem auffällt außer den Organisatoren, die sich über einen ärgern; zweitens kann man sich nur immer zu Wort melden, wenn es wichtig zu sein scheint, und dann strategisch anderen Recht geben und Sätze wie "wir sollten das genauso tun, wie X vorgeschlagen hat" fallen lassen, weil das impliziert, dass X jetzt auch die Arbeit macht; und drittens kann man selbst X sein, also durch eigenes Verschulden oder maliziöse Intrige anderer in die Position kommen, ständig Arbeit machen zu müssen, die man jetzt wirklich überhaupt nicht gebrauchen kann.

In diesem Verein hier bin ich in der dritten Position. Zwei Jahre lang habe ich mir jetzt, neben allem anderen, den Kopf darüber zerbrochen, wie unser Verband attraktiver für neue Mitglieder werden kann, und übermorgen präsentiere ich dann meinen elfseitigen Bericht. Es werden ein paar Leute für und ein paar gegen die Vorschläge sein, aber was mich eigentlich nervös macht, ist dass ich noch keine Ahnung habe, wie ich aus der Nummer ohne zusätzliche Arbeit herauskomme. "Ich habe den Plan gemacht, die Arbeit soll sonstwer erledigen" könnte als Argument ein bisschen dünn sein ...

Ein Gutes hat es aber natürlich, so ein völliger Schwarzseher und Angsthase wie ich zu sein: es kann eigentlich gar nicht schlimmer kommen, als ich es mir vorstelle. Wenn ich mir's genau bedenke, macht mich aber das "Eigentlich" in dem Satz ganz schön nervös ;-)

Dienstag, 2. Juli 2013

Sommer in der Stadt

Spätestens seit meinen letzten Posts dürfte unmissverständlich klar geworden sein, dass von mir nicht viel touristische Geheimtipps für die vielleicht netteste, lebenswerteste Metropole Europas zu erwarten sind. Ich entschuldige mich in aller Form.

Aber immerhin kann ich allen zukünftigen Kopenhagen-Besuchern ein paar praktische Merkwürdigkeiten mit auf den Weg geben. Was einen als Gast in dieser Stadt positiv überraschen dürfte, ist die geringe Größe der eigentlichen Stadt und die damit unvermeidlich zentrale Lage von Sehenswürdigkeiten oder einfach nur schönen Ecken. Die Niels Hemmingens Gade zum Beispiel ist eine Nebenstraße der Shopping-Meile Ströget, in der man nach ein paar Metern wunderschöne alte Fachwerkbauten findet, die als Wohn- und Geschäftshäuser ganz normal genutzt werden. Spektakulär ist das sicher nicht, aber heimelig.

Ausgesprochen merkwürdig ist aber die Vorstellung, die man hier von organisiertem Tourismus hat - das lokale Fremdenverkehrsamt scheint jedenfalls mit bestenfalls einer Halbtagsstelle ausgestattet zu sein, bei der seit Jahren die Schwangerschaftsvertretung im Krankenschein ist. Anders gesagt könnte man den Eindruck bekommen, dass - wie in vielen Hauptstädten - alle Einheimischen im Sommer außerhalb Urlaub machen und deshalb - wie nicht unbedingt in allen Hauptstädten - die Bürgersteige hochgeklappt werden. Wer kommt schon nach Kopenhagen? Und wer braucht den öffentlichen Nahverkehr, wenn doch eh alle Einheimischen Rad fahren. Also wird kurzerhand (mit drei Tagen Vorwarnung) die Metro für zwei Monate außerhalb der Kernzeiten durch Busse ersetzt. Da fühle ich mich doch direkt wie daheim bei der guten DB, wenn es am Bahnsteig heißt: "Für eventuell entstehende Unannehmlichkeiten möchten wir uns entschuldigen." Mhm, wie kommen die darauf, dass es ein Problem sein könnte, die alle fünf Minuten fahrende Metro durch halbstündliche Busse zu ersetzen?

Oder, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, das weithin beworbene Tycho-Brahe Planetarium. Name und Verpackung sind vielversprechend, beworben wird es (wie eigentlich alles hier) als "das größte Skandinaviens", und umso mehr reibt sich der arglose Tourist die Augen, wenn er durch die fünf lieblos ans IMAX angepappten Ausstellungsräume voller ausschließlich dänisch beschrifteter Exponate geht und dann mit den Einheimischen Reise nach Jerusalem um einen Sitzplatz spielt, wenn er eine Stunde wartet, bis er endlich ins Kino darf, wo einen dann statt 15.1-Surround ein Kopfhörer mit englischer Tonspur erwartet, auf der ein misslauniger Däne lustlos die Sternguckerei belabert. Ein touristisches Highlight sieht anders aus.

Aber man kann eben gut spazieren gehen, und das aus lang und ausgiebig. Noch ein Grund mehr, warum man die Metro einfach mal in Sommerferien schicken kann. Es ist ja schließlich polarsommerlich lange hell - da kann man auch mal mitten in der Nacht ein paar Stunden zu Fuß gehen. Außerdem sind von morgen an alle unter Fünfundzwanzig eh in Roskilde, da werden dann wahrscheinlich auch noch die S-Bahnen und Regionalzüge eingemottet. Bevor mich jemand falsch versteht: Ich kann mich damit gut arrangieren, weil ich lange genug hier bin und mich mit der zwischen Zwangsneurose und Generalarschlecken oszillierenden Mentalität angefreundet habe, aber wenn ich mir vorstelle, hier früh morgens als Touri aus dem Flugzeug zu steigen und einen freundlichen Aufsteller statt eines Zugs am Bahnsteig zu finden ... Was ein Glück, dass einem nur in schlechten Filmen einfach so der Kopf explodiert.

Den Eingeborenen fällt auch so manches auf, nur weiß ich, wie meistens, nicht wirklich, was sie mir sagen wollen. Und so wirklich einig scheinen sie sich auch nicht zu sein.



Das erklärt wahrscheinlich aber auch so manches!

Freitag, 28. Juni 2013

Gelebtes Brauchtum in der Metro

Seit diesem Wochenende habe ich ein Rätsel mit mir herumgeschleppt, dass ich mir eben erst von meinen dänischen Kollegen Rune habe lösen lassen können. Wenn man, wie ich, statt mit dem Rad mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, bekommt man von Kopenhagen leicht den Eindruck einer durch und durch versoffenen Stadt. Spätestens ab Feierabend-Zeit sind immer ein paar angeschickerte bis volltrunkene Zeitgenossen unterwegs, und in den letzten Tagen hatten auffällig viele von denen eine sehr sonderbare Kopfbedeckung auf. Heute morgen in der Metro war dann die kritische Masse erreicht, und ich musste einfach ein Bild machen.


Da ich ja langsam, aber sicher den Eindruck gewinne, jeglichen Anschluss an Modetrends zu verlieren - nicht in dem Sinn, dass ich Dinge selbst tragen würde, sondern einfach nur, zu verstehen, was gerade angesagt ist -, war ich vollständig darauf gefasst, dass das der neueste Copenhagen Style wäre. Selbst Rune, der König der Hipster, findet die Mützen aber uncool. In der Hinsicht bin ich also beruhigt.

Es handelt sich um Schulabgängermützen. Die Farbe des Bandes zeigt die Art des Abschlusses an. Auf der Rückseite ist der Name des Absolventen aufgedruckt oder -gestickt, und ins Zentrum der Innenseite schreibt man seine Abschlussnote. Offensichtlich sind eine ganze Menge Rituale mit der Mütze verknüpft. Man trägt sie direkt bei der Zeugnisverleihung und bei öffentlichen Auftritten. Da wir in Skandinavien sind, haben die meistens auch ganz offiziell etwas mit Alkoholkonsum zu tun. Viele Klassen mieten sich wohl einen Laster oder Bus und lassen sich dann zu den Häusern aller Klassenkameraden fahren, wo die Eltern Smörrebröd und Gammel Dansk servieren. Zwanzig, dreißig Eltern später hat man dann seine erste Lektion in Demut gelernt und ist reif, in die Erwachsenenwelt entlassen zu werden (und nie wieder so viel zu trinken).

Die coolen Kinder abenteuerlustigen unter den jungen Menschen bringen ihre Mützen dann auch zu den Partys in den kommenden Wochen mit, und ab da wird es dann vollends ritualistisch. Wer die Nacht durchmacht und die Sonne aufgehen sieht (was hier ja zur Sommersonnenwende schon um vier ist), darf sich mit der Schere ein kleines Dreieck in den Mützenschirm schneiden. Wer einen Kasten Bier allein trinkt, verdient sich ein Quadrat. Wer kotzen muss ... nun, es spricht für Rune, dass er nicht wusste, welches Symbol man sich damit verdient, aber das ist dann wohl die Schnittmarke, die einem von den anderen verpasst wird.

Überhaupt kommuniziert man auch über die Mütze. Freunde schreiben sich gegenseitig Nachrichten in die Innenseite, und Schwärme und Flammen dürfen ihre Abschiedsgrüße (oder Wiedersehenswünsche) hinterm Schweißband verstecken. Wenn also einen Dänen kennenlernen will, muss herausfinden, was er unter der Mütze hat ...

Dienstag, 25. Juni 2013

Junimond

Seit Jahresanfang habe ich immer, wenn ich durch meinen Kalender geblättert habe, begehrlich auf den Juni geschielt. Wo sonst der Platz oft nicht reicht, war der Juni herrlich öd und leer. Monatelang habe ich mir ausgemalt, mit welchen wundervollen Inhalten sich dieser Zeitraum füllen würde, wie ich mit Bedacht und Genuss Freiheit in Beschäftigung eintauschen würde.

Natürlich ist der Monat gekommen und fast schon wieder gegangen, ohne dass ich es auch nur richtig gemerkt habe. Ich bin überhaupt nicht unzufrieden mit dem wirklichen Juni - ganz im Gegenteil -, aber bei jedem Blick in den Kalender kommt kurz die Erinnerung an die unbestimmte Vorfreude zurück, ganz sanft, wie ein süßer Nachgeschmack, ein lauer Windhauch. Da kann die zufriedene Erkenntnis, fleißig und produktiv gewesen zu sein, natürlich nicht mithalten.

Immerhin habe ich im Juni eine Menge Altlasten abgearbeitet. Zwei Baustellen im gleichen Stil schiebe ich zwar noch vor mir her, aber während ich jetzt gerade fast zwei Monate damit zugebracht habe, zwei hingeschlampte Aufsätze komplett zu überarbeiten, ist die Aussicht auf ein, zwei Tage Literaturangaben vervollständigen fast schon entspannend. Vorher muss ich nur noch einen der Vorträge schreiben, die ich in drei Wochen in Paris halte. Und ein paar praktische Dinge erledigen (schauder).

Wer mich länger kennt, weiß von meiner recht eingeschränkten Genussfähigkeit für Reisen. Aphoristisch ausgedrückt ist das schönste am Reisen für mich - mit Abstand - das Heimkommen. Ähnlich wie beim Skifahren bestreite ich ja gar nicht den Reiz der Sache an sich, sondern komme schlichtweg nicht über das Gefühl einer gewissen Unverhältnismäßigkeit weg: wochenlang Arbeiten, stunden- oder tagelang planen, nur um die Unbequemlichkeit von Verkehrsmitteln ertragen zu müssen und endlich, für ein paar Tage, etwas Neues zu sehen. Das ist wie frierend, in zu engen Stiefeln einen Hang hinaufgezerrt zu werden, nur um ihn dann wieder hinunterzufahren - vielleicht nicht sinnlos, aber im Hinblick auf praktischen Nutzen fragwürdig.


Jedenfalls gehört Reiseplanung in mein ganz persönliche Pandämonium von Dingen, zu denen man mich zwingen muss (wie Friseur- und Zahnarztbesuche). Gestern habe ich den Großteil eines Tages damit verbracht, Flugverbindungen und Hotels für meine nächsten Dienstreisen herauszusuchen. Um es mal so zu sagen: ohnehin schon zwischen zwei Städten hin und her zu pendeln, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Und die Ziele sind zum Teil auch eher ungewöhnlich. Aber wenigstens ist mir dann, als ich eigentlich hätte buchen können, immer aufgefallen, dass ich noch eine wichtige Kleinigkeit nicht weiß und deshalb noch warten muss, bevor ich Nägel mit Köpfen machen kann. So habe ich dann auch noch ein bisschen Zeit um mir zu überlegen, ob es mich nervös machen sollte, dass die Lufthansa den einzigen Flughafen Transsylvaniens immer um kurz nach Mitternacht anfliegt. Wir werden sehen. 

Freitag, 14. Juni 2013

Auf zu grünen Ufern

Gestern habe ich mir die Zeit genommen und meine Website mal wieder ein bisschen gepflegt. Es ist für die arme Akademikerseele immer ganz tröstlich, nach zwei Wochen mühsamer Kleinarbeit an einem hoffnungslosen Aufsatz Bilanz zu ziehen und zu sehen, dass es auch Erfolge und Ergebnisse gibt. Wenn alles läuft wie geplant, werde ich Ende des Jahres 29 wissenschaftliche Vorträge in 10 Ländern gehalten haben, zwar über einen Zeitraum von sieben Jahren, aber immerhin. Bei den Aufsätzen müsste ich bis Ende des Jahres die Dreißig knacken, und für nächstes Jahr sind schon fünf weitere in der Mache ... ich war also nicht faul.

Wenn ich erst einmal meinen monumentalen Kanon-Aufsatz zu Ende gebracht habe – dazu mehr, wenn ich das Trauma überwunden habe –, muss ich zwar noch ein paar andere Baustellen abarbeiten, aber auf die meisten davon freue ich mich schon. Besonders gespannt bin ich aber auf mein einzig echt neues Projekt für dieses Jahr: ein Konzept für ökologische Analysen von Computerspielen. Die Arbeit an den Computerspiel-Zombies in den letzten Monaten war sehr lustig, aufschlussreich und interessant, aber eigentlich bin ich kein Experte für Zombies. Andere haben da einen viel breiteren (und blutigeren) Horizont. Und, was noch viel entscheidender ist, es gibt schon so viel Literatur zu Horror in Spielen. Man könnte fast sagen, dass es der einzige Themenbereich ist, der überhaupt gut erforscht ist. Natürlich bin ich da nicht mit allem einverstanden, was ich gelesen habe – eigentlich sogar mit relativ wenig –, aber es ist anstrengend, immer dagegen zu sein, immer andere widerlegen zu müssen.

Mit der Ökokritik kann ich mal der erste sein, denke ich. Bis jetzt habe ich jedenfalls noch keine Forschung dazu gefunden, was auch nicht weiter überraschend ist, weil dieser Ansatz auch für Literatur erst zwanzig Jahre lang zum Einsatz kommt und erst vor kurzem in der Filmwissenschaft aufgenommen worden ist. Nachdem ich in den letzten Jahren hauptsächlich auf theoretischer Ebene mit verschiedenen Medien gearbeitet habe, ist das hier ein vergleichsweise praktisches Projekt. Die literarische Ökokritik ist nicht wahnsinnig theorielastig, und ihre Beobachtungen lassen sich, soweit ich das bis jetzt überblicke, recht einfach auf ihre Anwendbarkeit für Spiele überprüfen.

So ist eine der zentralen Beobachtungen dieser Forschungsrichtung, dass Naturbeschreibungen in Erzählliteratur viel mehr sind als bloßes Setting, und dass sich darin eine intensive Auseinandersetzung mit Natur-Mensch-Verhältnissen festmachen lässt. Das mag für Computerspiele zwar abwegig klingen, ist aber – die medialen Unterschiede mal beiseite gelassen – auch da zu beobachten. Wenn in Frogger in den frühen 80ern ein Frosch über eine vielbefahrene Straße gesteuert werden muss, ist das definitiv eine Auseinandersetzung mit Natur und Umwelt.

Was ich wirklich faszinierend finde, sind aber vielmehr die Spiele, die den Spieler bewusst in einen moralischen Zwiespalt bringen. Mein Kopenhagener Kollege Miguel Sicart hat in seinem exzellenten The Ethics of Computer Games die Beobachtung aufgestellt, dass ein wirklich ethisch interessantes Computerspiel den Spieler zum Nachdenken anregen muss, indem es ihn (wenn auch nur virtuell) in eine unmögliche Situation bringt. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist Red Dead Redemption, das uns in Dialogen daran erinnert, dass die Büffel im Wilden Westen fast ausgestorben sind und damit an unser Ökogewissen appelliert. Es gibt aber ein Achievement, eine Auszeichnung für den Spieler, wenn alle Büffel abgeschossen werden. Dessen Titel, "Manifest Destiny," ist ein ironischer Kommentar auf die amerikanische Besiedelungspolitik des Westens, die Rücksichtslosigkeit gegenüber Natur und Ureinwohnern, und ist damit wenn schon keine Abschreckung, so doch zumindest ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir vielleicht dieses spezielle Achievement nicht erreichen wollen. Gleichzeitig ist das implizite Ziel jedes Open-World-Spiels, alle Möglichkeiten der virtuellen Welt ausgeschöpft zu haben, und der Beleg dafür sind eben die Achievements. Red Dead Redemption bringt den Spieler also in die Situation, zwischen Ökogewissen und Ehrgeiz wählen zu müssen, die jeweilige Entscheidung zu rechtfertigen, vor sich selbst und vor Freunden, die das Achievement oder sein Fehlen bemerken, und zwingt damit ganz von selbst, ohne erhobenen Zeigefinger, zur Auseinandersetzung mit dem sonst so leicht zu verurteilenden moralischen Fehlverhalten der amerikanischen Siedler.

Wie man sieht, fällt es mir nicht schwer, zu dem Thema etwas zu sagen, und deshalb freue ich mich schon darauf, in kurzer Zeit einen simplen, aber dennoch sinnvollen Aufsatz darüber schreiben zu können. Wenn es doch nur immer so einfach sein könnte ...

Mittwoch, 5. Juni 2013

Der Blog ist tot - es lebe der Blog

So kann es nicht weitergehen.  Oder vielmehr: Weder so noch so kann es weitergehen.

Da breche ich mir einen ab, jede Woche einen gehaltvollen Blogpost zu schreiben, und was ist die Reaktion? "Du schreibst zu oft, ich komme gar nicht nach mit lesen." "Deine Posts sind so lang, da muss ich meine Mittagspause überziehen." "Ich bin immernoch im Februar."Also gebe ich mir eine Woche frei. Und plötzlich sind vier Wochen rum, ohne dass ich geschrieben habe. Wer, bitte, hat an da an der Uhr gedreht?

Meine verzweifelten Versuche, es in der letzten Woche zu einem Blogpost zu bringen, sind größtenteils an meinem aktuellen Tagesablauf gescheitert. Ich schreibe nämlich gerade einen Aufsatz zum zweiten Mal. Die erste Fassung ist drei Jahre alt und war ein kleiner, nicht ganz ernst gemeinter Vortragstext. Nach einem Jahr sollte der dann plötzlich in einer renommierten Fachzeitschrift erscheinen und musste ganz schnell ergänzt und überarbeitet werden. Es hat dann zwei Jahre gedauert, bis ich wieder von der Redaktion der Zeitschrift gehört habe (und - hier ist die Pointe - ich bin der erste Beiträger für dieses Heft, bei dem sie sich bis jetzt gemeldet haben). Der Chefredakteur war zwischendrin schwer krank, was natürlich viel entschuldigt, aber die Bearbeitungszeit relativiert sich auch aus dem Grund, dass er mir für einen achtzehn Seiten langen Aufsatz über zwanzig Seiten Bemerkungen geschickt hat. Und zwar in einer E-Mail, als Fließtext. Wir leben schließlich nicht im 21. Jahrhundert, wo man Anmerkungen in eine Textverarbeitungsdatei einarbeiten kann. Da der Kollege aber mittlerweile jenseits der Siebzig sein dürfte, habe ich mich schon gefragt, ob nicht ein Teil der Bearbeitungszeit daher rührt, dass seine Sekretärin erst noch seine handschriftlichen Notizen abtippen musste ...

Nachdem ich zwei Wochen lang ernsthaft überlegt habe, alles Renommee in den Wind zu schießen und den Aufsatz zurückzuziehen, habe ich das einzig männliche getan und den Aufsatz noch einmal neu geschrieben, von Anfang an. Ich verwerte natürlich Teile der ersten Fassung wieder - bis jetzt ganze zwei Nebensätze. Ich weiß nicht, wann in meinem Leben ich zuletzt so verunsichert vor dem Computer gesessen habe. Normalerweise schreibe ich auch nicht schnell, wenn es um wissenschaftliche Texte geht, aber im Moment ist es einfach lächerlich. Heute habe ich es auf sechshundert Wörter gebracht, und zwar in - Pausen abgezogen - vollen acht Stunden Arbeit. Das sind durchschnittlich eineinviertel Worte pro Minute. Wenn ich mir das so auf der gedanklichen Zunge zergehen lasse, fällt mir dazu ein Wort ein, für das ich keine Minute zum Schreiben brauche.

Agonie.

Tatsächlich: zwei Sekunden. In dem Tempo hätte ich also heute 14.400 Worte schreiben können. Multipliziert man das mit den sechs Tagen, die ich jetzt am Stück, zehn bis vierzehn Stunden am Tag am Schreibtisch verbracht habe, müsste ich also bei 86.400 Worten sein. Nach E. M. Forster's immer nützlicher Definition hat ein Roman mindestens 50.000 Worte; für diejenigen, die meinen, ich würde hier immer Romane schreiben, sollte das der ausreichende Gegenbeweis sein. (Tatsächlich geschrieben habe ich immerhin gut 4000 Worte in der Zeit. Es geht manchmal also doch etwas zügiger. Der Text ist aber auch bestenfalls halb fertig.)

Worauf ich eigentlich hinaus wollte? Nun ja, auch nach fast vier Jahrzehnten intensiver Lektüre von Superheldencomics habe ich weder meinen Körper noch meinen Geist genug gestählt, als dass ich so eine Ochsentour unbeschadet überstehen würde. Aktuell fühlt sich mein Nacken so geschmeidig an, als hätte sich eine Schildkröte in meinem T-Shirt versteckt. Wäre auch logisch, weil sie auf diesem Wege an meine matschige Rübe herankäme ... Anders gesagt: Rein körperlich verstehe ich gut, wie Kafka auf den Gedanken gekommen ist, eines Morgens als Insekt aufzuwachen. (Kleiner Internet-Tipp: Macht keine Google-Bildersuche nach "Turtle Man". Echt nicht. Kein schöner Anblick. Schon zurück? Hab ich doch gesagt, oder?)

Wo war ich? Schildkröte, richtig. Worauf ich die ganze Zeit hinaus wollte, war eine neue Blog-Politik. Ich habe mir vorgenommen, jetzt eben keine langen Einträge mehr zu schreiben, sondern öfter mal kurze oder ganz kurze. Vielleicht einen Anti-Twitter-Post mit weniger als 140 Zeichen. Vielleicht sollte ich mein eigenes Micro-Blogging-Portal aufmachen, auf dem man nicht total wenig, sondern total langsam schreiben muss. Für Schildkröten-Blogger, sozusagen. Und statt einem Tweet schickt man dann einen Turt. Na ja, daran muss ich wohl noch arbeiten.

Das mit dem Kurzfassen mach ich aber doch schon ganz gut, oder?

Mittwoch, 8. Mai 2013

Nach dem Seminar ist vor dem Seminar

Gestern hat der Sommer hier sein Näschen gezeigt. Genau wie die gewöhnlichen Sterblichen hier ist er ein hellerer Typ, rotblond, robust, und so richtig viel Sonne verträgt er nicht. 

Am Freitag war es schon nett und auch für mitteleuropäische Verhältnisse frühlingshaft. Statt um sechs in der universitätseigenen Kneipe ein Bierchen zu zischen, war jeder auch nur ansatzweise lebendige Teil der Studentenschaft schon um zwei in der Sonne vorm Gebäude. Um drei war‘s richtig laut, ab vier war singen angesagt, und als um sechs der Vorplatz im Halbschatten lag, waren nur noch ein paar versprengte leere Weinflaschen übrig. Am Wochenende war ich wahrscheinlich der einzige Mensch in langen Hosen in Kopenhagen. Gestern hat das Thermometer dann tropische 22 Grad erreicht, und der durchschnittliche Wikinger fängt an, unter der Hitze zu stöhnen. Mein Bürokollege Rune hat sich um halb vier mit den Worten verabschiedet: "Ich hab die Schnauze voll. Ich schwitze jetzt schon seit zwei Stunden wie ein Schwein." Man hat hier halt andere Maßstäbe. Das gilt auch für die Architektur. Unser wunderschönes Unigebäude ist offiziell ein Niederenergie-Gebäude. Das ist dänisch für: Wir bauen ein fünfstöckiges Treibhaus ohne Klimaanlage, weil das im Winter Heizkosten spart und in den zwei Sommermonaten eh alle in Urlaub sind. Und wenn nicht, sorgen die schmelzenden Mitarbeiter auf der Südseite für ein angenehmes Mikroklima.


Nach dem einen Sommertag sieht‘s heute übrigens so aus. Die Leute packen, das ist kein Scherz, ihre Wollmützen wieder aus. Rune hat es, genau wie ich, mitten in einem Gewitterschutt zur Uni geschafft. Und weil es ja bekanntlich kein schlechtes Wetter sondern nur unpassende Kleidung gibt, sitzt der Gute jetzt in seiner Unterwäsche am Schreibtisch gegenüber, und seine Klamotten sind durchs Büro verteilt. Anpassungsfähiges Volk, die Dänen.



Nicht nur im Wetterbericht gibt es hier Veränderungen. Gute drei Monate nach Beginn meines Forschungsaufenthalts in Dänemark hat er endlich auch im engeren Sinn begonnen. Klingt paradox? Nicht wirklich.

Gestern war offiziell unsere letzte Seminarsitzung für dieses Semester.  Seminarvorbereitung ist nicht vor Ende August wieder fällig, und bis dahin kann ich dann tatsächlich forschen! Das heißt, dass ich ab jetzt zwar weiterhin fleißig Dinge lerne, sie aber nicht direkt für die Studis aufbereiten muss. Es macht einen enormen Unterschied, ob ich einen Aufsatz oder ein Buch daraufhin lese, was ich daraus für einen speziellen Zweck (wie einen eigenen Aufsatz) verwenden kann, oder ob ich den gleichen Text zum Unterrichten benutze. Auch ich schreibe mit Sicherheit nicht immer publikumsfreundlich – dieser Blog ist Beweis genug –, aber viele meiner Kollegen kümmern sich nicht darum, verstanden zu werden. Manche Aufsätze lesen sich wie schlechte Erstsemester-Hausarbeiten – nicht, weil die Kollegen inhaltlich daneben liegen, sondern weil die oberste Maxime ihres Handelns zu sein scheint, möglichst viele Fremdwörter zu verketten. Geschwollen und nebulös ist nicht wissenschaftlich, aber das sieht nicht jeder so. Wie ein berühmter roter Kater (nicht er hier, sein fetter, gezeichneter Cousin) es so schön gesagt hat: „Verwirre sie, wenn du sie nicht überzeugen kannst.“

Jedenfalls verbringe ich während der Semester viel Zeit damit, solche inhaltlich guten aber schwer verständlichen Texte greifbar zu machen. Das Ergebnis sind dann Präsentationen, die einen Überblick von Elementen des Computerspiels oder Zeitkonzepten geben sollen. Ob es das wirklich besser macht, darüber streiten sich die Götter (zumindest die der Didaktik). Ich denke immer, dass es für andere nicht schaden kann, solange ich das Gefühl habe, selbst noch etwas dabei zu lernen.

Und was mache ich, wenn ich keine Präsentationen für Seminare zusammenzimmere? Richtig: Präsentationen für Vorträge wie den, den ich am Freitag in Dortmund halten werde. Der große Unterschied ist, dass ich hier mit der Präsentation anfange und tatsächlich am visuellen Material meine Argumentation entwickle. Das ist intuitiv und geht meistens recht schnell, vor allem, wenn man sich wie ich oft beim Schreiben an Details aufhängt. Der rote Faden wird mir auf diese Weise viel klarer. Das Problem ist nur, dass ich danach den roten Faden aufschreiben muss, weil die Präsentation selbst ihn nur andeutet. Und was ist peinlicher, als wenn man sein eigenes Argument vergisst. Auf dem Podium.Vor hundert Leuten.

Wie war das noch im Mittelteil?