Samstag, 22. November 2014

Grachtenmode



Für meine letzte Tagung 2014 hat es mich nach Amsterdam verschlagen, zum ersten Mal überhaupt, und ich muss sagen, ich mag die Stadt! Die letzten Tage waren ausgesprochen anstrengend, und ich habe es mit Müh und Not geschafft, wenigsten die allernotwendigsten Vorbereitungen für diesen Trip zu treffen – wozu das Besorgen von Kartenmaterial nicht gezählt hat. Dementsprechend bin ich zwar ohne jedes Problem von Schiphol in die Stadt gekommen, hab mich dort dann aber mit ziemlich spärlichen Informationen und ohne Stadtplan auf die Suche nach meinem Hotel gemacht. Auf direktem Weg hätte ich eine halbe Stunde brauchen sollen, und trotz etwas Suchen bin ich in fünfzig Minuten angekommen, was aber weniger für meinen Orientierungssinn spricht (der hier nämlich massiv überfordert ist) als für die an sich sehr übersichtliche Stadt. 

Nach dreieinhalb Stunden Treibenlassen in den Gassen der Altstadt muss ich sagen, dass Amsterdam vielleicht das meiste oder doch zumindest das eigenste Flair aller europäischen Metropolen hat, die ich kenne. Paris, London und München sind hektische Diven, Rom und Barcelona entspannte Matronen, Kopenhagen und Stockholm ältliche Lehrerinnen; Amsterdam ist das freche Girlie mit schlecht gemachten Haaren, Jogginghose und Versace-Top. Nein, ich will gar nichts auf ‚mein‘ Kopenhagen kommen lassen – es ist eine wirklich schöne Stadt –, aber dort ist die Spannung zwischen dem nüchtern-puritanischen Erbe und der neu gefundenen Jugendlichkeit der letzten Jahrzehnte doch sehr ausgeprägt. Die Kopenhagener sind, egal wie hip sie sich geben, letztlich sehr normal und fast schon ein bisschen spießig. Verglichen damit sind die Amsterdamer bunter, ungepflegter, noch entspannter. Nein, das ist kein versteckter Verweis auf die hiesige Drogenkultur, sondern nur ein erster Eindruck. Und noch eins hat mich bis jetzt sehr beeindruckt: selbst aus einer Stadt kommend, die sich viel darauf einbildet, angeblich das meiste und beste Englisch aller nicht-englischsprachigen Städte zu sprechen, ist das Englisch-Niveau hier beeindruckend. Das Englisch sitzt dem Amsterdamer sehr locker, fast schon in erschreckendem Maß. An der Supermarktkasse könnte man doch zumindest erst einmal auf Verdacht die Muttersprache zum Einsatz bringen …

Natürlich stimmen die ganzen Klischees, aber sie machen die Stadt nicht nur besonders, sondern lenken auch den Tourismus ein bisschen in Bahnen. Ich hatte vorher ein bisschen die Befürchtung, dass die Cannabis-Touristen die Gesamtstimmung verderben könnten, aber auf den ersten Blick würde ich eher das Gegenteil behaupten – zumindest nachmittags, das mag nachts anders sein. Ja, es ist im ersten Moment ein bisschen verstörend, wenn man sich eine Kirche von außen anschaut, dabei den Duft von Gras in der Nase hat und von der anderen Straßenseite von Prostituierten aus ihren Glaskästen heraus zugewunken bekommt. Aber mal ganz ehrlich: Kirchen in Ruhe anschauen kann man sich überall, während einem so etwas wohl nur an ganz wenigen Orten der Welt passieren dürfte. Und bevor das jetzt als Zynismus des alten Agnostikers ausgelegt wird: Drogen und Prostitution auf dem Kirchenvorplatz haben sicher eine Tradition, die weit übers Mittelalter hinaus reicht.

Das gleiche gilt für das völlig chaotische Nebeneinander der Gewerbe. Sexshop, Bäckerei, Juwelier, Museum, Coffee Shop, Bar, Souvenirladen, Restaurant, Bordell, Friseur. Klar kann auch das ein bisschen irritieren, aber verglichen mit der Normalität überall sonst ist das schon sehr, sehr spannend. Klar muss man zwischen den Betrunkenen, Bekifften, Radfahrern und Touris schon aufmerksam navigieren, aber auch da habe ich sonstwo viel Schlimmeres erlebt. Wenn man darauf konditioniert ist, von Radwegen unten zu bleiben, kann man auch überall problemlos mal stehenbleiben und fotografieren, etwa die Generalprobe zu einer Lichterfest-Performance auf dem Dam. In den ernsthafteren Städten würde man da gern mal angerempelt oder zumindest leise angemault. Falls die das hier auch machen sollten, tun sie es ausgesprochen diskret – was eigentlich nicht ins Bild passen würde, weshalb ich mal davon ausgehe, dass den Amsterdamern auch die Touristen egal sind. 

Erstaunlicher Menschenschlag!

Sonntag, 16. November 2014

Musik, Mord und Museen

Dieses Wochenende war ich tatsächlich mal privat aktiv. Zwar hätte ich, wie immer, genug dienstliches zu tun, um auch Samstag und Sonntag durchzuarbeiten, aber dafür habe ich im Moment nicht den Kopf frei. Am Freitag gab es auch gleich mehrere außerdienstliche Termine an der Universität. Zum einen hatten die Studis ihre Herbstsemester-End-Party organisiert, die traditionell ein Laser-Rave ist. Will sagen: Sehr laut, auch volltrunken tanzbar, garniert mit viel buntem Licht. Das Atrium unserer Universität ist für so eine Veranstaltung auch wie geschaffen, mit dem ganzen Glas und den offenen Flächen. Es gab zusätzlich zu den Werbeplakaten tatsächlich gleich mehrere Warnplakate und -E-Mails, weil die Beleuchtung ja abgeschaltet werden musste und man auf das Flackern mit Epilepsie reagieren könnte, aber Vorsicht muss wohl sein. Und nachdem das ganze ehre langsam anlief, waren eine ganze Menge Leute da, als wir gegen halb zwölf gegangen sind.

Bevor sich jemand wundert: nein, ich war nicht zum Tanzen da. Kollegen haben mich spontan als Ersatzkandidaten für ein Rollenspiel eingeladen, eine Mordermittlung in drei Akten mit neun Figuren, von denen jede hätte der Mörder sein können. Anfangs hatten wir etwas bedenken, dass wir in die richtige Stimmung kommen würden wegen der Tanzmusik draußen, aber wir haben uns im Telekonferenz-Raum getroffen, der wirklich sehr gut schallisoliert ist. Viel geholfen hat, dass die Damen sich passend zum Setting unseres Mordfalls – der an der Miskatonic-Universität H.P. Lovecrafts angesiedelt war – gekleidet hatten, also in vollem Zwanziger-Jahre-Fummel. Dazu Kerzenlicht (das tatsächlich nicht den Feueralarm ausgelöst hat, wie wir irgendwann erstaunt feststellen konnten) und ab und zu das Flackern der Stroboskope aus dem Atrium, und die Gruselatmosphäre hätte eigentlich nicht besser sein können. Die Auflösung des Falls war fürchterlich unbefriedigend, aber wir hatten trotzdem ein paar Stunden lang einen Riesenspaß. Und machen das bestimmt bald wieder.

Zum vollständigen Kontrast war ich dann heute in der staatlichen Kunstsammlung. Weite Teile dieses Museums sind kostenlos zu besichtigen, und allein schon das Gebäudeensemble ist es eigentlich wert, dass man mal durchschlendert. Das alte Hauptgebäude ist ein typisches Museum des 19. Jahrhunderts, nordisch natürlich in Backstein ausgeführt, aber eben einer dieser prächtigen Musentempel, die einem erst einmal etwas Ehrfurcht einflößen sollen, bevor man an die Bilder und Skulpturen darf. An den Bau hat man, mitsamt einer Glas-und-Stahl-Überdachung, einen Neubau angeflanscht. Von außen bildet das einen heftigen Kontrast, drinnen ist es aber fast schon gemütlich, wie jede dieser Drinnen-Draußen-Konstruktionen. Und da die neue und alte Sammlung in den passenden Gebäuden untergebracht sind und man über Brücken von den Klassikern zu den Modernen gelangt, hat der Raum auch einen sehr schön stimmigen Charakter was seine Funktion als Museum angeht. (Ich war beim Mord-Rollenspiel übrigens ein Architekt, falls man das noch merken sollte).

Die Dauerausstellung ist recht durchwachsen, muss ich sagen. Die alten Meister haben eigentlich noch die meisten interessanten Objekte. Viele flämische Malerei aus dem 16. und 17. Jahrhundert, zum Teil von Künstlern aus der zweiten Reihe, aber oft trotzdem wirklich interessant. Viele der Stücke stammen aus der ehemaligen königlichen Privatsammlung, und man hatte dort wohl einen Hang zum Allegorischen. "Junge mit Seifenblasen" ist ein gutes Beispiel dafür, das man sogar versteht, ohne den Untertitel zu kennen ("Allegorie auf die Vergänglichkeit"). Noch etwas weniger subtil ist Otto van Veens "Allegorie auf die Versuchungen der Jugend", auf dem sich die griechische Göttin der Weisheit, Pallas Athene, dazwischenwirft, als Venus ihre verführerische Muttermilch in den Mund eines jungen Mannes spritzt. Da soll mal noch einer sagen, die alten Flamen hätten keinen Sinn für Humor gehabt!


Mittwoch, 12. November 2014

Mit Oskar in Baden-Baden

Jetzt war ich die ganze Zeit so lange fleißig unterwegs mit der Bloggerei und habe mich gewundert, wie ich letztes Jahr manchmal drei, vier Wochen nicht geschrieben habe, und schon habe ich es wieder auf  zwei Wochen Funkstille gebracht. Dafür gibt es natürlich eine ganze Menge Gründe, aber die wahrscheinlich einleuchtendsten (und Blog-kompatibelsten) sind mein täglich Brot: Schreiben und Reisen.

Ich schreibe ja wirklich gern, und ich schreibe oft viel und schnell. Manchmal ist so ein Blogeintrag für mich eine willkommene Abwechslung, was die Textsorte angeht, wenn ich den ganzen Tag über nur E-Mails und oberflächliche Fachprosa geschrieben habe. An anderen Tagen, wie heute, kann es auch eine gute Aufwärmübung sein, um den Schreibmotor im Kopf auf Touren zu bringen, wenn ich mich an eine unangenehme wissenschaftliche Arbeit machen muss – besonders wenn ein wirklich netter alter Kollege zu Besuch ist und alle zwei Minuten den Kopf in die Tür streckt, so dass an echte Arbeit noch nicht zu denken ist. Aber in den letzten zwei Wochen habe ich in ganz knapper Folge zwei Vorlesungen und zwei Vorträge aus dem Boden stampfen müssen, und nach solchen Tagen brauche ich dann doch ein anderes Kontrastprogramm. Will sagen: ich bin jetzt mit Game of Thrones wieder auf dem neuesten Stand und freue mich schon auf das Ende von True Detective.

Das Reisen, auf der anderen Seite, hätte eigentlich gar nicht erwähnenswert sein müssen, aber irgendwie hatte ich mit meinen Standardflügen wenig Glück in letzter Zeit. Am Wochenende war ich für einen Kongress in der Heimat, und sowohl der Hin- als auch der Rückflug gestalteten sich ungewöhnlich bis abenteuerlich. Ich bin ja gewöhnlich ein vorsichtiger Mensch, und insofern fand ich es an sich in Ordnung, als mein Pilot am Donnerstag zweimal den Landeanflug abgebrochen hat, weil die niedrigen Wolken nahtlos in eine dichte Nebelbank übergegangen sind. Auch dass wir dann erst noch ein bisschen sinnlos im Kreis geflogen sind und dann zum Auftanken und Warten auf besser Wetter in Baden-Baden gelandet sind, fand ich nicht weiter schlimm. Ärgerlich ist daran letztlich ja nur die Zeitverschwendung, vor allem, wenn man eigentlich wirklich gerade besseres zu tun hätte. 

Aber meine Mitreisenden haben es größtenteils mit Fassung getragen. Sicher gibt es dann immer die lautsprechenden, superwichtigen Geschäftsleute, die ihr Telefon schon am Ohr haben bevor das Flugzeug bei seiner Zwischenlandung ganz steht, aber das ist irgendwie auch nur menschlich. Überraschend war hingegen, dass mein diesmaliger Promi – von der Sorte hat man aus Berlin raus ja eigentlich immer wen an Bord – für seine Verhältnisse ausgesprochen gelassen war. Der Sportteil seiner Zeitung hat ihn beschäftigt gehalten. Als ich das danach dann meinem türkischen Taxifahrer erzählt habe, musste ich erst einmal erklären, wer Oskar ist. Man kann also tatsächlich im Saarland leben und von diesem Teil der jüngeren Geschichte unberührt geblieben sein. Das hätte meinen Mitflieger sicherlich weniger kalt gelassen als die Flugverspätung.

Auf dem Rückflug hat die gute AirBerlin zum zweiten Mal in kurzer Zeit wieder einen Flug ausfallen lassen, aber immerhin für alle Gäste mit Anschlussflug für Alternativen gesorgt. So bin ich dann mit Luxair und SAS zurückgekommen, mit nur anderthalb Stunden Verspätung; wirklich beschweren kann ich mich darüber also nicht. Und so ein Wechseln der Fluggesellschaften zwischendrin hat auch seine Vorteile, etwa dass man über den Vormittag verteilt ein abwechslungsreiches Frühstück serviert bekommt – Airline-Brunch, sozusagen. Croissant und richtig guten Kaffee von den Luxemburgern, vergleichsweise langweiligen Kaffee mit ausgezeichnetem Muffin bei den Skandinaviern ... hungrig bin ich immerhin nicht gelandet. Und zwischendrin hatte ich Tegel noch ein schönes Promi-Erlebnis: Ich setze mich im Wartebereich zwei Sitze weit weg von einer gut gekleideten Dame, die mich dafür mit einem Blick bedenkt, als hätte ich mich gerade vor ihr entblößt. Als eine kleine Gruppe von Leuten zu ihr kommt, denke ich, dass ich da vielleicht einen mental freigehaltenen Platz besetzt und damit ihre Missgunst auf mich gezogen hätte, aber erst als sie von einem aus ihrer Entourage angesprochen wird und mich dann auf dem Weg ins Flugzeug wieder mit einem verachtenden Blick straft, verstehe ich, dass ich in der Präsenz echt wichtiger Menschen nicht genug Respekt gezeigt habe. Lang lebe der Fernsehadel!

Dienstag, 28. Oktober 2014

Unterschiedlich nah ans Wasser gebaut

Die Dänen waren schon immer eine stolze Seefahrernation. Man identifiziert sich heute noch gern mit den Wikingern, wenn auch mit einer leicht verbrämten Version, die eher auf Tourismus und Geschäfte aus war als auf Brandschatzen und Morden. Das hat zur Folge, dass man hier gern Bötchen fährt, und meine Nachbarschaft, das alte Fischerhafenareal, ist voll von kleinen und mittelgroßen Segelclubs. Mit den edlen Yachtclubs südlicher Gefilde scheinen die wenig zu tun zu haben; von außen wirken sie sehr rustikal und haben am ehesten Festzeltatmosphäre. Man trinkt hier gern mal ein Bier vorm Segeln, eins beim Segeln, und eins nach dem Segeln, nehme ich an. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden.


Interessant finde ich daran im Moment (auf eine zugegebenermaßen schadenfrohe Weise) hauptsächlich, welche Probleme mit Wasser eine Gesellschaft haben kann, obwohl sie daran und sozusagen darauf aufgebaut ist. Regenwasser überfordert hier beispielsweise recht schnell die Kanalisation. Nach den Regengüssen im August und September haben wochenlang Pumpen und Naßstaubsauger in unserer Waschküche residiert, eine kleine hydraulische Spezialeinheit, die täglich auf ihren Einsatz gewartet haben. Dass man zum Kellerauspumpen Feuerwehrschläuche verwenden kann, ist mir schon klar; trotzdem haben spätestens die mich ein bisschen unangenehmer berührt. Natürlich ist es immer schön trocken geblieben, während das Zeug im Weg herumstand. Ich frage mich, wo die Sachen jetzt untergebracht sind - hoffentlich nicht zu weit weg, denn dann steht uns sonst bestimmt demnächst eine Sturmflut ins Haus.

Wasser im Haus haben wir auch auf der Uni bisweilen, und zwar sozusagen hausgemacht. Vor einer Weile ist unser Brandmeldersystem überarbeitet worden, und seitdem hatten wir schon eine ganze Reihe von falschen Feueralarmen. Besonders schön war es, als letzte Woche völlig unprovoziert die Sprinkler im Atrium losgingen und dort Esstische und Sofaecken überflutet haben. Da so etwas immer ein Nachspiel hat, gibt es morgen einen angekündigten Feueralarm. Wir haben uns alle schon darauf verständigt, keine private Elektronik mit zur Uni zu bringen, falls es plötzlich im ganzen Gebäude zu regnen anfängt. Gelöschtes Kind scheut das Wasser, sozusagen.

Der Punkt, über den ich mich aber wirklich amüsiert habe, war dann der sozusagen umgekehrte. Der Geschirrspüler in unserer Kaffeeküche hat nämlich seit einer ganzen Weile schon den Dienst verweigert. Die Kollegen von der Haustechnik haben sich das auch ein paar Mal angesehen und uns immer versichert - in sehr freundlichen Worten - dass wir eben ungeschickte, lebensunfähige Akademiker wären und das Gerät einfach nicht richtig bedienen würden. Heute war dann wieder einer von den Haustechnikern da, und ich habe mir erlaubt, einfach mal neben ihm stehen zu bleiben und zuzuschauen, wie er mit der Reparatur vorgeht. Irgendwann ist ihm dann auch aufgefallen, dass an dem Gerät die Wasserzufuhr-Leuchte geblinkt hat. Natürlich war die Lösung ganz einfach, bis das Abspülen des Ablauf-Siebs nicht gebracht hat, und der Kollege etwas stiller wurde. In der nächsten Stunde ist er dann noch ein halbes Dutzend mal an meinem Büro vorbeigetigert, mal in die Bedienungsanleitung vertieft, mal aufgeregt telefonierend, dann mit einem großen Werkzeuggürtel ...

Es sieht aus, als wäre jetzt wieder alles im Lot mit zu viel oder zu wenig Wasser im Büro. Wenn die furchtlosen Seefahrer damals genauso mit Wasser umgegangen wären, hätten sie aber wahrscheinlich eher Schwimmwesten als Kettenhemden getragen. Die Zeiten ändern sich eben.

Freitag, 24. Oktober 2014

Die Herrschaft der Maschinen

Selbst unter den geschätzten Lesern dieses Blogs gibt es sicher noch immer einige, die sich wundern, was man alles an Universitäten studieren kann. Heute Nachmittag habe ich all diejenigen denken müssen, die Comics und Computerspiele noch immer exotisch finden, denn wir hatten zwei außergewöhnliche Vorträge im Haus - außergewöhnlich selbst nach unseren hier schon recht ungewöhnlichen Maßstäben.

Eine Neuseeländische Kollegin hat uns heute die Forschung des Auckland Institute of Technology in Sachen "E-Textiles" vorgestellt. Ich dachte, ich wüsste halbwegs, was sich dahinter verbirgt, und in gewissem Sinn hatte ich auch recht: eine der im Moment lukrativsten Anwendungen dieser Forschung sind die sogenannten "wearables", also Dinge wie Samsungs Gear "Armbanduhr", die eigentlich am Körper getragene Computer sind - nur eben mit dem Unterschied, dass die Technologie nicht in einem Schmuckstück oder Accessoire steckt, sondern gleich in der Kleidung selbst. Die Logik dahinter ist natürlich bestchend einfach: "Wir vergessen vielleicht mal, unsere Uhr anzuziehen, aber wir gehen eigentlich nie nackt aus dem Haus." Bis jetzt sind zwar viele Anwendungen noch eher effekthascherisch oder künstlerisch, je nachdem, wie man sie sehen will, aber auch da passieren sehr interessante Dinge. Ein je nach Bewegung in unterschiedlichen Farben leuchtender Handschuh mit langen, bunten Tentakeln ist jedenfalls ein wirklich interessantes Stück Ausstattung für ein Ballett. Vor allem ist bei so etwas natürlich die Frage spannend, ob wir das nun als Kleidung wahrnehmen, als Werkzeug, als Spielzeug, als Marionette - das war die Interpretation der Kollegin - oder als etwas ganz anderes.


Wirklich überrascht hat mich allerdings, das diese neuen Wundertextilien nicht gewebt werden oder so, sondern gestrickt. Seit zehn, fünfzehn Jahren gibt es wohl voll programmierbare Strickmaschinen, die in 3D arbeiten, vage nach dem Prinzip des Sockenstrickens, also mit mehreren Nadeln gleichzeitig. Nicht nur hat man also ein computergesteuertes Werkzeug, mit dem man auch die ungewöhnlichsten Formen erzeugen kann, Strick hat auch andere Vorteile. Da diese modernen, mit Elektronik verbundenen Stoffe oft aus mehreren Lagen bestehen müssen - allein schon, um stromführende Teile zu isolieren und zu schützen -, ist Stricken insofern ideal, als es da ja mit Mustern ganz einfach ist, verschiedene Ebenen anzulegen. Damit kann man theoretisch die verrücktesten Kombinationen von Werkstoffen herstellen, zum Beispiel Wollstrümpfe mit thermoplastischen Fäden. Das heißt, man kann Stützstrümpfe stricken, die sich ganz leicht anziehen lassen und erst durch Körperwärme eng und damit stützend werden. Das einzige Problem daran ist der Preis, weil das Zeug für Klinikbedarf viel zu teuer ist und es keinen Vertrieb an Privatleute gibt. Aber das wird sich bestimmt bald ändern.

Danach gab es dann noch eine öffentliche Vorlesung zum Thema "Wie lange es noch dauert, bis Maschinen die Welt beherrschen." Das war zwar alles andere als ernst gemeint, macht einen aber trotzdem unruhig, wenn das von Robotik-Experten kommt, die dabei ein schelmisches Glitzern in den Augen haben, und wenn man gerade vorher erfahren hat, wie nahe wir schon an Kleidung sind, die von Kopf bis Fuß computerisiert ist. Wenn die Maschinen also eines Tages die Herrschaft übernehmen, haben sie nicht nur die Hosen an - sie sind die Hosen!

Sonntag, 19. Oktober 2014

Menschen im Hotel

Die allerbeste Tourismus-Saison geht zwar langsam zu Ende, aber für den Fall, dass jemand in der Vorweihnachtszeit, über die Feiertage oder auch irgendwann später das schöne Kopenhagen besuchen will, wollte ich einmal kurz meine Hotelerfahrungen in der Stadt teilen. Einer der Vorteile meines Hin und Her im letzten Jahr ist, dass ich tatsächlich Hotels in der Stadt kenne, in der ich lebe - das kann nicht jeder sagen. Drei davon würde ich durchaus empfehlen, wenn auch, natürlich, unterschiedlich nachdrücklich und aus verschiedenen Gründen. Sie liegen etwas über die Stadt verteilt, aber jede Location hat auch ihre Vorteile.

Mein Lieblingshotel in der Stadt ist das Bella Sky Kongresshotel. "In" der Stadt ist dabei vielleicht etwas irreführend, da es im direkten Vergleich zu den beiden anderen recht weit draußen liegt. Dafür hat es eine Metrostation direkt vor der Tür und ist keine Viertelstunde mit der Bahn vom Flughafen weg. Es ist erst vor drei Jahren eröffnet worden, das größte Hotel Skandinaviens (mit über 800 Betten in zwei 23stöckigen Türmen) und dementsprechend so etwas wie das platonische Ideal des nordischen Design-Hotels. Das Frühstücksbuffet ist gut, der Frühstücksraum ein bisschen arg IKEA-rustikal, aber die übrigen Restaurants sind dafür gleich ziemlich fein.

Für den Fall, dass das Wetter total übel sein sollte, gibt es einen großen Spa- und Fitness-Bereich, und mit der 'Bella Donna' Etage sogar ein Stockwerk exklusiv für Damen - was auch immer das heißen mag. Und wo wir gerade bei Shopping- und Wellnessurlaub sind: eine Metrostation weiter nördlich liegt Fields, skandinaviens größte Mall. Auch kein allzu schlechtes Notfallprogramm bei Schneeregen und Sturmböen. Die Zimmer sind kühl und nüchtern eingerichtet, aber eben sehr schick, von den Bädern ganz zu schweigen. Die sind nämlich zum restlichen Zimmer hin komplett verglast, so dass man hier wohl nur mit Menschen das Zimmer teilen wird, die man entweder schon vorher gut kennt oder mal so richtig nah kennenlernen wollte.


Nicht ganz so neu, aber fast genauso schick ist das Copenhagen Island. Die Zimmer sind echt nett, aber ein bisschen hellhörig, wie das ganze Gebäude etwas weniger robust wirkt als es vielleicht sollte. Die Lage ist, rein auf der Karte betrachtet, sehr viel innerstädtischer, aber auch wenn die direkte Umgebung recht nett ist - auch hier gibt es eine sehr ordentliche Mall mit Multiplex-Kino direkt nebenan, ansonsten sind da Banken und Versicherungen -, muss man schon eine ganze Weile zu Fuß laufen, um in die eigentliche Stadt zu kommen, und auch die nächste S-Bahn-Station ist nicht wirklich weit weg, aber auch nicht direkt vor der Tür. Ein Grund, dieses Hotel aber trotzdem zu besuchen, ist der Frühstücksraum bzw. das Restaurant. Direkt am Kanal gelegen, ist der Speisesaal ein einziger großer Wintergarten mit verschiedenen Ebenen, die es zu einem sehr luftigen und trotz des ganzen Glas' ruhigen Raum machen. Bei auch nur halbwegs gediegenem Wetter ist das ein extrem stilvoller Ort, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen.

Wenn es günstig und zentral sein soll, würde ich in Kopenhagen das CabInn City empfehlen. Im Vergleich zu den beiden 4-Sterne Hotels wirkt es natürlich wie eine Jugendherberge oder - so dass offizielle Hotelkonzept - wie eine Schiffskajüte, aber wer das Zimmer nur zum Schlafen braucht und wirklich mitten in der Stadt sein will, wird schwerlich ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis finden. Man kann da zwar wohl auch essen, aber das habe ich nicht ausprobiert; die Gemeinschaftsräume sind sehr rustikal, und der Verkauf von Speisen und Getränken ist Kiosk-mäßig organisiert. Dafür ist man aber nur fünf Gehminuten vom Bahnhof weg (wenn man den Südausgang findet) und kann in zehn Minuten am Rathausplatz und damit dem Eingang zur Altstadt sein.

Es gibt natürlich noch Dutzende andere Hotels, B&Bs und Hostels, und bestimmt sind da auch gute drunter. (Und zum Glück gibt es ja Tripadvisor und Holidaycheck, die einem das Reisen so viel einfacher machen). Ich wollte nur gesagt haben: hier lässt es sich auch als Besucher gut aushalten.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Recording. Copenhagen Style


Musik machen bedeutet für verschiedene Leute ganz unterschiedliches. Vom Blatt Klavier spielen, auf dem Kamm blasen, die Auswirkungen von Handkäs und Bohnensuppe verströmen ... die Bandbreite ist erschreckend. Für mich gehören seit 25 Jahren unter dem Begriff drei Dinge zusammen: Instrumente spielen, Lieder schreiben, Musik aufnehmen. Wie an so vielen Dingen in meinem Lebenslauf ist daran wahrscheinlich niemand geringeres Schuld als der Commodore Amiga 500. Als einer der ersten echten Multimedia-Computer gab es darauf richtig gute und intuitive Musiksoftware wie Aegis' Sonix oder den NoiseTracker. In den späten 80ern war bei mir mit Instrumentenbeherrschung noch nicht viel her (und wer mit mir schonmal zusammengespielt hat weiß, dass sich daran bis heute nur wenig geändert hat). Musik am Computer zu schreiben war vergleichsweise einfach, und ich verstand plötzlich Konzepte wie Polyphonie und Rhythmus viel besser, als sie mir meine Musiklehrer je hatten vermitteln können.


Als ich irgendwann zu PCs gewechselt bin, hatte sich dort die Musiksoftware schon kräftig weiterentwickelt, aber zum Teil auch in die gleiche Richtung. Mit dem ScreamTracker beispielsweise bin ich sehr schnell warm geworden, und bei Jeff Lims großartigem ImpulseTracker habe ich sogar irgendwann direkt beim Programmierer die Vollversion gekauft, was Ende der 90er hieß, auf der Bank australische Dollar einzutauschen und in einem gut versiegelten Umschlag per Post einmal um die Welt zu schicken. Mit 'richtiger' Musiksoftware konnte ich damals noch nichts anfangen, weil Sequencer eine andere Denke haben als Tracker und sich an der Logik von physischen Studios orientieren - wovon ich zu dem Zeitpunkt nicht den geringsten Schimmer hatte. 

Das hat sich geändert, als ich 1992 One Year and a Half in the Life of Metallica gesehen habe - zum ersten Mal gesehen habe, sollte ich sagen. Den ersten Teil über die Aufnahmen des Black Album habe ich mir mindestens ein Dutzend Mal angeschaut, und in der Folge bin ich auf alles aufgesprungen, was mit Tonstudios zu tun hatte. In den nächsten Jahren hatte ich dann meine ersten Bands, ich habe regelmäßig Radio gemacht, und unvermeidlich bin ich auch in dem ein oder anderen Studio gelandet. Interessanterweise habe ich aber nie mit einer eigenen Band in einem Studio aufgenommen, sondern habe als Tontechniker oder Backgroundsänger bei anderen ausgeholfen. Und das war sehr lehrreich, weil ich schnell verstanden habe, dass in den meisten Studios nicht gute Aufnahmemöglichkeiten verkauft werden, sondern der Prestigefaktor, in einem Studio aufgenommen zu haben. Die meisten Leute, die ich in dieser Umgebung getroffen habe, von den Inhabern über die Mischer bis hin zu den Musikern, waren aus Imagegründen dort, und das gleiche gilt für viel Equipment. Natürlich ist es beeindruckend, wenn die Hauptabhöre Lautsprecher mit einem größeren Volumen als meinem eigenen sind und so viel kosten wie ein Kleinwagen. Das macht die darüber aufgenommene Musik aber nicht notwendigerweise besser. Dazu braucht es Talent und Erfahrung, vor und hinter den Instrumenten. 

In den letzten fünfzehn Jahren habe ich bestimmt zweihundert eigene Songs und ein Dutzend Banddemos aufgenommen, und so langsam bin ich an dem Punkt angekommen, wo ich mit den Ergebnissen einigermaßen zufrieden bin. Im Moment verbringe ich viele Abende in Kopenhagen damit, unser aktuelles Banddemo zu mischen und meine Spuren darauf einzuspielen, was mittlerweile einfach eine Freude ist. Ich habe über die Jahre eine kleine Auswahl ordentlicher Mikrofone angeschafft, etwas semiprofessionelle Software und eine gute Soundkarte gekauft, und was damit alles möglich ist, hätte ich bei meinen ersten Aufnahmen nie gedacht. Auf meiner Couch sitzend in Dänemark die bisher aufgenommenen 28 Spuren auf einem Laptop mischen zu können, während meine Band zu Hause in Deutschland weitere Instrumente einspielt, die ich mir dann nach und nach auf meine winzig kleine Festplatte kopiere, wenn ich mal im Lande bin, das ist alles fast zu gut um wahr zu sein.

Denke ich manchmal wehmütig daran, wie es wäre, in einem "richtigen" Studio aufzunehmen? Nicht wirklich. Natürlich ist so etwas wie Dave Grohls Sound City Movie eine Inspiration, aber größtenteils wegen der talentierten Musiker und Sänger. Für diejenigen, die nicht hinter Youtubes deutscher Firewall sitzen oder eine VPN-Verbindung bedienen können, gibt es auch online phantastische Performances zu bewundern. Denn was wir da sehen ist wieder die Aura des exklusiven Aufnahmeraums, in dem man selbstverständlich toll Musik machen kann. Wenn mir jemand einen Nachmittag mit Corey Tailor, Aaron Lewis oder Maynard James Keenan vermittelt, mache ich mit den Herren aber auch eine Emmy-verdächtige Aufnahme. Musik wird vor dem Mikro gemacht, und zwar größtenteils im Kopf.